{"id":38,"date":"2001-04-27T18:06:20","date_gmt":"2001-04-27T16:06:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.arth-online.ch\/kino\/?p=38"},"modified":"2020-09-16T15:51:49","modified_gmt":"2020-09-16T13:51:49","slug":"exorzist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arth-online.ch\/kino\/exorzist\/","title":{"rendered":"Exorzist"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-50\" src=\"http:\/\/www.arth-online.ch\/kino\/wp-content\/uploads\/sites\/9\/2001\/04\/poster_exorcist.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"221\" \/><strong>Fr 27. \/ Sa 28. \/ So 29. April 2001<\/strong><br \/>\n20.00 Uhr<br \/>\ndeutsch, ab 16 Jahren<\/p>\n<div style=\"clear:both;\"><\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0070047\/\">IMDb<\/a><\/p>\n<p><strong>Lange Zeit als unheimlichster Film der Kinogeschichte gehandelt, kommt der Klassiker von William Friedkin (\u00abFrench Connection\u00bb, \u00abTo Live and Die in L.A.\u00bb) in einer erweiterten Fassung wieder in die Kinos.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-48\" src=\"http:\/\/www.arth-online.ch\/kino\/wp-content\/uploads\/sites\/9\/2001\/04\/exorcist.jpg\" alt=\"\" width=\"247\" height=\"138\" \/>Die zw\u00f6lfj\u00e4hrige Regan (Linda Blair) leidet unter seltsamen Zust\u00e4nden: Sie verf\u00fcgt zeitweise \u00fcber \u00fcbernat\u00fcrliche K\u00f6rperkr\u00e4fte und hat die F\u00e4higkeit, im Raum zu schweben. Da die Mediziner unf\u00e4hig sind, dem Ph\u00e4nomen beizukommen, wendet sich Regans Mutter (Ellen Burstyn) an einen Priester, der auch Psychiater ist. Dieser stellt sofort fest, dass Regan besessen ist. Nun liegt die einzige Hoffnung darin, einen Exorzisten (gespielt vom legend\u00e4ren Max von Sydow) beizuziehen, der dem M\u00e4dchen den Teufel autreiben soll.<\/p>\n<p>Elf Minuten, die man zuvor niemals gesehen hat, wurden in den Film eingef\u00fcgt, und der Ton wurde dem Geschmack der Zeit angepasst: der Director&#8217;s Cut kommt in Dolby Surround, was die ber\u00fchmten Szenen dieses Klassikers wohl noch eindr\u00fccklicher macht als in der Originalfassung von 1973.<\/p>\n<div class=\"wc-shortcodes-box wc-shortcodes-item wc-shortcodes-content wc-shortcodes-clearfix wc-shortcodes-box-secondary \" style=\"text-align:left;\">\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-46\" src=\"http:\/\/www.arth-online.ch\/kino\/wp-content\/uploads\/sites\/9\/2001\/04\/spiegel_cover.jpg\" alt=\"\" width=\"156\" height=\"217\" \/>DER SPIEGEL, Nr. 39, 28. Jahrgang, 23. September 1974<br \/>\n&#8222;Ich treibe dich aus, unreiner Geist!&#8220;<\/p>\n<p>Seit vergangenem Freitag l\u00e4uft in vierzig deutschen Grossst\u00e4dten Amerikas meistdiskutierter Film &#8222;Der Exorzist&#8220; &#8211; der &#8222;Terrorfilm des Jahrhunderts&#8220; (&#8222;Daily Express&#8220;). Das aufwendige Spektakel, in dem ein zw\u00f6lfj\u00e4hriges M\u00e4dchen vom Satan besessen wird, nannten deutsche Marienschwestern &#8222;eine teuflische Verf\u00fchrung&#8220;.<\/p>\n<p>Frierend und durchn\u00e4sst standen New Yorker im Dezember vergangenen Jahres mehr als vier Stunden in langen Schlangen vor vier Kinos: Sie z\u00fcndeten kleine Feuer an, um sich zu w\u00e4rmen, pr\u00fcgelten sich und drohten die Kassen zu st\u00fcrmen. In Beverly Hills, in Kalifornien, f\u00fchlten sich Anrainer in ihrem Morgenschlaf behelligt: so fr\u00fch n\u00e4mlich begannen sich die Warteschlangen f\u00fcr die Abend-Vorstellung zu formieren. In Boston, wo t\u00e4glich 5000 Wartende zum gleichen Film wollten, kn\u00fcppelte die Polizei immer wieder Vordr\u00e4ngelnde nieder, und in Los Angeles durften vor dem Kino keine Autos mehr auf der Strasse parken, damit die Ambulanzen freie Zufahrt hatten.<\/p>\n<p>So ungeahnt z\u00fcgellose Kino-Begeisterung entfesselte der &#8222;Exorzist&#8220;, Hollywoods bislang spektakul\u00e4rste Attacke auf Nerven und Gef\u00fchle seiner Zuschauer. &#8222;Es war wie ein Aufruhr&#8220;, meinte Ralph Bailey, einer der sechs Sicherheitsbeamten vor einem New Yorker Kino, nachdem der Manager und mehrere seiner Angestellten von hysterischen Eintrittskartenbesitzern mit Messern verletzt worden waren, weil sie eine Vorstellung wegen der Tumulte vor dem Kino ausfallen lassen wollten.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin seit 47 Jahren im Gesch\u00e4ft, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt&#8220; &#8211; so schilderte Harry Francis. Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines Kinos in Los Angeles die Szenen, die sich w\u00e4hrend des &#8222;Exorzisten&#8220; im Kino abspielten: Er berichtete, dass w\u00e4hrend jeder Vorstellung drei bis vier Zuschauer in Ohnmacht fielen, andere fluchtartig den Ausgang suchten. Durch den dunklen Saal gellte das Kreischen von M\u00e4dchen: &#8222;Packt den D\u00e4mon!&#8220;<\/p>\n<p>Obwohl in New York der &#8222;Exorzist&#8220; im Kino Herzanf\u00e4lle, Erbrechen und sogar eine Fehlgeburt (&#8222;New York Times&#8220;) ausgel\u00f6st haben soll, zahlten Begierige auf dem Schwarzmarkt bis zu 50 Dollar; um rechtzeitig in den Film zu kommen, boten einige Zuschauer dem Kinopersonal Bestechungssummen von \u00fcber 100 Dollar.<\/p>\n<p>&#8222;Der Exorzist&#8220;, f\u00fcr den Millionen Amerikaner Gem\u00fctsruhe und Geld opferten, ist seit drei Tagen auch in Deutschland zu sehen: in f\u00fcnfzig Kinos und vierzig St\u00e4dten; hundert weitere Kinos sollen &#8222;nach der ersten Welle&#8220; (so der Verleih) folgen.<\/p>\n<p>Dieser Mammut-Start l\u00e4sst einen Film auf die Zuschauer los, der als &#8222;Gipfel des Wahnsinns und der Blasphemie&#8220; (&#8222;Washington Post&#8220;) und &#8222;Terrorfilm des Jahrhunderts&#8220; (&#8222;Daily Express&#8220;) charakterisiert wurde.<\/p>\n<p>In der Tat: Nie zuvor hat Hollywood so perfide und perfekt zugleich auf die geheimen \u00c4ngste und Verdr\u00e4ngungen der Zeitgenossen spekuliert wie im &#8222;Exorzisten&#8220;, der seinen Horror in Teufelsbesessenheit und der t\u00f6dlichen schwarzen Messe einer Satansaustreibung m\u00fcnden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Film handelt von einer Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen, die &#8211; pausb\u00e4ckiges. stupsn\u00e4siges Kind einer lieben und wohlsituierten Mutti &#8211; vom Teufel zur Wohnstatt erw\u00e4hlt wird, wobei sie sich nach und nach immer grauenvoller ver\u00e4ndert. Das B\u00f6se kriecht aus der Idylle, wo es, in kleinen Irritationen und Verst\u00f6rungen, immer schon lauernd bereitgelegen hat &#8211; erster wirksamer Affront des &#8222;Exorzisten&#8220; gegen seine Zuschauer.<\/p>\n<p>Der eigentliche Film &#8211; nach einem mystisch-realistischen &#8222;Vorspann&#8220;, der bei Ausgrabungen im Irak spielt und das D\u00e4monische kurz seine arch\u00e4ologisch verb\u00fcrgte und phallisch bekr\u00e4ftigte Fratze zeigen l\u00e4sst &#8211; beginnt in der scheinbar heilen Welt von Georgetown, einem friedlichen Stadtteil der US-Bundeshauptstadt Washington mit Neogotik, Sportpl\u00e4tzen und Wohlstand in adretten Einfamilienh\u00e4usern.<\/p>\n<p>Aber diese Welt ist nur halb in Ordnung. Der Friede tr\u00fcgt &#8211; er ist vollgestopft mit den Schuldkomplexen des heutigen Amerika. So \u00fcberm\u00fctig Mutter und Tochter miteinander tollen. so artig und freundlich das Kind der amerikanischen Familienserien-Vorstellung zu entsprechen scheint. sosehr das &#8222;social life&#8220; mit Party-Freundlichkeiten, sauber hilfreichen Hausangestellten und netten Nachbarn angef\u00fcllt ist &#8211; stets zeigen sich kleine Risse in diesem Frieden, die der &#8222;Exorzist&#8220; in geschickten Andeutungen zu Einschlupfl\u00f6chern des B\u00f6sen macht.<\/p>\n<p>Die heile Familie ist nur halb, der Vater der kleinen Regan lebt in Rom und ruft sie nicht einmal an ihrem Geburtstag an. In dem herzlichen Einverst\u00e4ndnis zwischen Mutter und Tochter wird, in raffiniert dosierten Spuren, die kindliche Eifersucht auf den Freund der Mutter (einen trinkverfallenen Film-Regisseur) sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Und die Party schl\u00e4gt bei feuchten Fr\u00f6hlichkeit f\u00fcr kurze Momente in Aggressionen und blasphemische Scherze um: vulg\u00e4re Fl\u00fcche. die eine sch\u00f6ne Oberfl\u00e4che zerreissen.<\/p>\n<p>Auch \u00fcber das Priester-College, aus dem dann einer der sp\u00e4teren Teufelsaustreiber, der j\u00fcngere Exorzist, kommt. f\u00e4llt ein Schatten: Zwar lebt dieser gutaussehende, sportlich durchtrainierte Priester in einer hellen. aufgekl\u00e4rten Welt, der er selbst als verst\u00e4ndnisvoller Psychiater angeh\u00f6rt. Aber diese Welt wird mit Grossstadtslums und \u00fcberf\u00fcllten Heilanstalten kontrastiert: Der freundliche, kr\u00e4ftige fromme Mann ist unf\u00e4hig. seine kranke Mutter zuerst dazu zu \u00fcberreden, ihre einsame Slum-Wohnung (ein St\u00fcck Griechenland mitten in New York) zu verlassen und hat sp\u00e4ter auch nicht die Mittel, sie aus einer h\u00f6llischen Heilanstalt zu erl\u00f6sen, in der sie stirbt. Er bleibt mit Schuld-Tr\u00e4umen und Glaubenszweifeln zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Film insistiert mit spannungsgeladener Geduld auf die atmosph\u00e4rischen Genauigkeiten seiner Milieus &#8211; so als wollte er seine sp\u00e4teren &#8222;Unglaubw\u00fcrdigkeiten&#8220; ganz in perfekte Realit\u00e4t einh\u00fcllen. Er l\u00e4sst den Schrecken nur sekundenlang aufblitzen &#8211; in polternden Ger\u00e4uschen, die auf die Stille folgen, in pl\u00f6tzlich am Rande auftauchenden Gestalten der Armut. der Krankheit, des Elends.<\/p>\n<p>Bis dann der Teufel in Regan f\u00e4hrt: Aus dem verspielten. folgsam-fr\u00f6hlichen Kind wird allm\u00e4hlich eine w\u00fcste Fratze der Verwesung, des Zerfalls, der Selbstzerst\u00f6rung. Aus dem Kindermund kommen zuerst ordin\u00e4re Fl\u00fcche, dann scheussliche Exkremente; die Stimme verformt sich wie die Gestalt: In einer Orgie von bildgewordenen Panik-Vorstellungen wird ein Kind zum Teufel, die Leinwand zum Pand\u00e4monium einer Hieronymus-Bosch-Welt.<\/p>\n<p>Mit exaktem Kalk\u00fcl wird Regans Besessenheit einer hochentwickelten Arzt- und Medizin-Welt konfrontiert: Das M\u00e4dchen wird, zu allen Qualen durch den Teufel, von den Weisskitteln und ihren bedrohlichen Apparaten geschunden, ohne dass ihr dadurch geholfen werden kann. Der irrationale D\u00e4monenglaube, mit dem da spekuliert wird, zeigt, wo die bedr\u00e4ngten Zuschauer ihre Hoffnungen begraben haben, wo ihr Glaube an den medizinischen Fortschritt erloschen ist.<\/p>\n<p>Mischung aus Mystik, Blut und Ausw\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend der Horror vom stinkenden, fluchenden, um sich schlagenden und mordenden Teufel abl\u00e4uft, entwickelt sich parallel dazu ein Hitchcock-\u00e4hnlicher Krimi. Ein humorvoll, gem\u00fctlich gezeichneter Kommissar sp\u00fcrt mit rationalen Mitteln dem Verbrechen nach: Regan und der Teufel in ihr haben &#8211; eine psychoanalytisch aufschlussreiche Stelle &#8211; den Freund der Mutter aus dem Fenster gekippt, ihm das Genick buchst\u00e4blich umgedreht. Die Polizei sucht da nach Aufkl\u00e4rung. Und Aufkl\u00e4rung erweist sich, wie bei der Medizin, als in Wahrheit verst\u00e4ndnislos und hilflos.<\/p>\n<p>Der Film m\u00fcndet in der absichtlich qu\u00e4lend langen schwarzen Messe der Teufelsaustreibung, nachdem er alle Vernunft besiegt hat. Aber noch dieses grausig-komische Exerzitium, das mit seiner Mischung aus katholischer Mystik, Blut und Ausw\u00fcrfen wohl die kaltbl\u00fctigste Spekulation auf des Zuschauers Hysteriebereitschaft darstellt, noch dieses Duell mit dem Teufel verankert sich in Pseudo-Realistik, bem\u00fcht Tonbandger\u00e4te und Herz-Pillen neben Weihwasser und Elevationen, bei denen Regan schwerelos in ihrem Zimmer schwebt.<\/p>\n<p>In seiner optischen Raffinesse und Genauigkeit, die ihre Schock-Kontraste aus der Normal-Welt Amerikas bezieht, mit seinem psychologischen Kalk\u00fcl, das noch Nebenfiguren durchschattiert, mit seiner akustisch-musikalischen Vollkommenheit stellt der &#8222;Exorzist&#8220; ein zynisch komponiertes Hollywood-&#8222;Gesamtkunstwerk&#8220; dar, das noch seine Schw\u00e4chen zum Kalk\u00fcl macht.<\/p>\n<p>Denn: Unwahrscheinlich und komisch ist es schon, dass die Hausangestellten in Regans N\u00e4he bleiben, obwohl sich unter Pech, Schwefel und Eiseshauch die W\u00e4nde biegen. Und unwahrscheinlich ist es auch, dass die Umwelt die \u00fcbermenschlich gr\u00e4sslichen Ver\u00e4nderungen des Kindes im Grunde doch nur als Krankheit nimmt. Es ist das Nebeneinander von normal und abstrus, auf das der Film seine Wirkung bauen muss.<\/p>\n<p>Schon William Peter Blattys Roman &#8222;Der Exorzist&#8220;, nach dem der Film gedreht wurde, fesselte die Amerikaner \u00e4hnlich erfolgreich: 11 800 000 Taschenbuchexemplare &#8211; der bis dato gr\u00f6sste Roman-Bestseller &#8211; wurden seit 1971 in den USA verh\u00f6kert. Der theologische Thriller stand 55 Wochen lang auf der Bestseller-Liste der &#8222;New York Times&#8220; und wurde bislang in 18 Sprachen \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Zu seinem Roman wurde Autor Blatty durch eine Zeitungsmeldung angeregt: 1949 berichtete die &#8222;Washington Post&#8220; von der angeblich erfolgreichen Teufelsaustreibung, die ein katholischer Priester an einem vierzehnj\u00e4hrigen Jungen vorgenommen hatte. Blatty, heute 46, war damals Student an eben jener Universit\u00e4t in Georgetown, wo Film und Buch spielen.<\/p>\n<p>Der in Brooklyn von Jesuiten erzogene Student der englischen Literatur schrieb damals eine Studie \u00fcber Teufelsbesessenheit. 1970 erinnerte sich Blatty, der bis dahin humoristische Romane und Filmdrehb\u00fccher ohne nennbaren Erfolg verzapft hatte und zun\u00e4chst Priester, dann Schauspieler werden wollte, an seine Exorzismus-Studien.<\/p>\n<p>Die Zeit f\u00fcr Obersinnliches schien reif: Blatty bot einem grossen New Yorker Verlag sein &#8222;Exorzisten&#8220;-Expos\u00e9 (aus dem Jungen war bei ihm ein M\u00e4dchen geworden) an &#8211; er wollte das Buch nicht unter der Garantie-Summe einer halben Million Dollar schreiben. Er bekam seinen Vertrag &#8211; noch bevor eine Zeile geschrieben war &#8211; und einen Verfilmungs-Kontrakt, was ihm (neben dem wahrscheinlich h\u00f6chsten von Hollywood je gezahlten Drehbuchhonorar) auch noch 25 Prozent der Einspielsummen sichert.<\/p>\n<p>Die Erfolgsmischung aus Religion und Gesch\u00e4ft, die Blattys Trivial-Story kennzeichnet, ist auch Bestandteil seines \u00f6ffentlichen Images. Blatty, der sich in Hollywood vor Jahren als angeblicher Sohn Ibn Sauds Prominenten-Einladungen erschlich, prahlt in TV-Talk-Shows gerne mit telepathischem Kontakt zu seiner toten Mutter, einer libanesischen Emigrantin, der er seinen n\u00e4chsten Film widmen will.<\/p>\n<p>Gleichwohl fand sein &#8222;Exorzist&#8220; (Buchumschlag-Slogan: &#8222;Tief religi\u00f6s &#8211; eine Parabel f\u00fcr unsere Zeit&#8220;) respektablen kirchlichen Zuspruch. In der Jesuiten-Zeitschrift &#8222;Civilt\u00e0 cattolica&#8220; wurde das Buch anerkennend besprochen, es geh\u00f6rt zur empfohlenen Lekt\u00fcre von katholischen high schools. Blatty \u00fcber seinen Roman: &#8222;F\u00fcr mich ist das Buch ein PR-Job f\u00fcr das Leben des Geistes, f\u00fcr die Unsterblichkeit der Seele.&#8220;<\/p>\n<p>Und \u00fcber die erfolgreiche Spekulation auf die Stimmung seiner vor allem jungen Leser: &#8222;Ich bin \u00fcberzeugt, dass die jungen Leute sich mitten in einer Wende vom extremen wissenschaftlichen Materialismus zum Mystizismus befinden.&#8220; \u00dcber all der religi\u00f6sen Wanderung nach innen hat der Autor den \u00e4usseren Erfolg jedoch keineswegs aus den Augen verloren. Sein neuestes Buch: &#8222;William Peter Blatty \u00fcber den Exorzisten. Vom Roman zum Film&#8220;.<\/p>\n<p>Blattys religi\u00f6se Motivationen spielen f\u00fcr den Film-Regisseur William Friedkin, 34, keine Rolle: &#8222;Ich bin kein Denker, ich mache kommerzielles Kino.&#8220;<\/p>\n<p>Friedkin, adrett-sachlicher Anti-Typ zu Hollywoods romantisch-genialischen Film-Individualisten wie Peckinpah, gilt seit seinem Welterfolg, dem Rauschgift- und Polizeifilm &#8222;French Connection&#8220;, als Wunderknabe der kalifornischen Traumfabrik. Wegen seiner k\u00fchlen T\u00fcchtigkeit (&#8222;Ein Chirurg kann sich auch nicht um Gef\u00fchle k\u00fcmmern, wenn er operiert&#8220;) bei den Studios beliebt, erhielt Friedkin den &#8222;Exorzisten&#8220;-Zuschlag, unterst\u00fctzt durch seine Freundschaft mit dem Autor.<\/p>\n<p>Friedkins Filmkarriere variiert das &#8222;Vom Tellerw\u00e4scher zum Million\u00e4r&#8220;-M\u00e4rchen: In einer Fernsehstation Chicagos, wo er als 16j\u00e4hriger Botenjunge begann, war er nach einem Jahr schon Regisseur. Bis zu seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr hatte er 2000 TV-Shows gedreht.<\/p>\n<p>Sein technischer Perfektionismus kommt nicht aus dem Ungef\u00e4hr: Seine Vorbilder Orson Welles (&#8222;Citizen Kane&#8220;) und Stanley Kubrick (&#8222;Clockwork Orange&#8220;) neigen wie er dazu, mit optischen Effekten zu blenden.<\/p>\n<p>Friedkin, typisches Beispiel f\u00fcr Hollywoods neue Generation von Regie-Technokraten macht Kino mit Marketing-Kalk\u00fcl: &#8222;Ich mache einen Film zu einem Design, das die Leute dazu zwingt, es zu kaufen.&#8220; &#8222;Es gibt nur drei Gr\u00fcnde, einen Film zu drehen&#8220;, meint Friedkin. &#8222;die Leute zum Lachen oder zum Weinen zu bringen oder sie zu erschrecken.&#8220;<\/p>\n<p>Was die Zuschauer beim &#8222;Exorzisten&#8220; am meisten erschreckt, ist, so konstatierte &#8222;Newsweek&#8220;, die Tatsache, dass das Opfer des Teufels, die Hauptfigur des Films, Regan, ein zw\u00f6lfj\u00e4hriges M\u00e4dchen ist.<\/p>\n<p>Dieses Kind, gespielt von der Sch\u00fclerin Linda Blair, Tochter einer gutb\u00fcrgerlichen Familie aus dem neuenglischen Connecticut, schockiert die Zuschauer nicht nur durch die scheusslichcn Entstellungen, die sie im Film scheinbar erleidet, sondern auch durch das obsz\u00f6ne Vokabular. das ihr Drehbuch und Teufel in den Mund legen.<\/p>\n<p>So geifert die Besessene ihre Mutter an: &#8222;Du Fotze, tu es, tu es! Lass Jesus dich fickcn! Lass dich ficken vom Jesus!&#8220; Und den zweiten Exorzisten, einen greisen Gottesmann, der sie mit Ritual-Beschw\u00f6rungen &#8211; &#8222;Ich treibe dich aus, unreiner Geist!&#8220; &#8211; vom Teufel erl\u00f6sen will, beschimpft sie: &#8222;Steck deinen Schwanz in ihren Arsch, du verwichster, nichtsnutziger Schwanzlutscher, du schwuler, nichtsnutziger Schwanzlutscher, du!&#8220;<\/p>\n<p>Linda Blair, \u00fcber die Zumutungen ihrer Rolle befragt: &#8222;Der Film k\u00f6nnte genausogut von einem M\u00e4dchen handeln, das einen Lolly lutscht.&#8220;<\/p>\n<p>Bei der Herstellung des Films allerdings waren die verbalen Obsz\u00f6nit\u00e4ten und das (simulierte) blutige Onanieren mit einem Kruzifix noch die geringsten Pr\u00fcfungen f\u00fcr die Zw\u00f6lfj\u00e4hrige.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Szene, in der Satan sie auf dem Bett hin und her schleudert, waren ihre H\u00e4nde mit Metallb\u00e4ndern festgeschnallt, an denen sie sich verletzte. Sie brauchte gar nicht mehr, wie es das Drehbuch verlangte, ihre Schreie &#8222;Make it stop!&#8220; zu simulieren. weil sie das vor Angst und Schmerz ohnehin schrie. Entsch\u00e4digung f\u00fcr die Unbilden: ein Milchshake fiir Linda in der Drehpause.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Szenen in denen ihr pausb\u00e4ckiges Gesicht zur Teufelsfratze entstellt war, trug sie schmerzende Kontaktlinsen und ein Make-up aus Gummimilch &#8211; das Anlegen der Maske dauerte jeweils zwei Stunden -, die klebrige Maske, so jammerte Linda. &#8222;brannte auf der Haut und besonders um den Mund&#8220;.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser und \u00e4hnlicher Belastungen bef\u00fcrchten US-Mediziner psychische Sp\u00e4tsch\u00e4den f\u00fcr das Kind. Dagegen spendete Regisseur Friedkin Linda professionelles Lob: &#8222;Linda arbeitete \u00fcber ein Jahr mit uns, oft zehn bis zw\u00f6lf Stunden pro Tag und manchmal sechs bis sieben Tage pro Woche unter den schwierigsten, anstrengendsten Bedingungen, die je eine Schaupielerin zu bew\u00e4ltigen hatte.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr eine der technisch aufwendigsten Szenen des Films wurde Regans Zimmer in einen eigens daf\u00fcr konstruierten Mammut-K\u00fchlschrank verlegt, der das Zimmer so frostig temperierte, dass der Atem des Teufelskindes und der Teufelsaustreiber sichtbar wurde &#8211; als Zeichen weiteren Teufelsspuks. Linda litt an Unterk\u00fchlung, und ihre H\u00e4nde und F\u00fcsse mussten in den Drehpausen mit Heizkissen aufgew\u00e4rmt werden.<\/p>\n<p>&#8222;Wilde Ehe von Technologie und Perversit\u00e4t.&#8220;<\/p>\n<p>Solche den Zuschauer durch ihren Realismus beeindruckenden Effekte sch\u00e4tzte Friedkin \u00fcber alles. Er ist so stolz auf ihre Wirkung, dass er die Rezepturen geheimzuhalten versucht: &#8222;Ich will nicht, dass das Publikum hinter unsere Tricks kommt.&#8220;<\/p>\n<p>So wurden Szenen, in denen Linda Giftig-Gr\u00fcnliches von sich spuckt, Teufelssubstanz, die in Wirklichkeit Erbsensuppe ist, besonders vorbereitet: Zwei Schl\u00e4uche f\u00fchrten von ihrem Nacken zu einem Beutel an ihrer Lippe &#8211; getarnt durch das Gummi-Make-up; zwei Techniker bedienten im Hintergrund die Suppenspritze.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Szenen, in denen sich ihr Teufelskopf um 180 und 360 Grad um ihren Hals dreht, liess Friedkin &#8222;St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck&#8220; Lindas K\u00f6rper und Kopf zu einer lebensnahmen Puppe nachbilden, deren Kopf von einem Elektromotor im Innern des Homunculus gedreht wurde. Solch Ingenieurs-Aufwand war n\u00f6tig, um Irrationales glaubhaft zu machen.<\/p>\n<p>Wie bei keinem Film zuvor h\u00e4ngt die Wirkung des &#8222;Exorzisten&#8220; entscheidend vom Soundtrack, von der Mischung aus Musik und Ger\u00e4usch. ab.<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Regisseur Fran\u00e7ois Truffaut: &#8222;Der beste Soundtrack. den es je in der Geschichte des Films gab.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr diese &#8222;diabolische wilde Ehe von Technologie und Perversit\u00e4t&#8220; (&#8222;Financial Times&#8220;) suchten Techniker monatelang nach Ger\u00e4uschen, die den Zuschauer in die unheimliche und ungem\u00fctliche Stimmung versetzen sollten, wie sic Friedkin vorschwebte.<\/p>\n<p>Um Satan auch akustisch pr\u00e4sent zu machen, wurde das Kreischen von Schweinen w\u00e4hrend ihrer Schlachtung aufgenommen, ebenso wie das Bellen und Heulen von Zwitterhunden. Hamster wurden in Kesselpauken eingeschlossen, um ihr verzweifeltes Kratzen aufzuzeichnen; Bienen wurden in Kr\u00fcge und T\u00f6pfe gesperrt. um ihr wildes Summen auf Band zu bannen.<\/p>\n<p>Einer der Tonspezialisten liess seine Freundin rohes Eiweiss in Unmengen schlucken &#8211; bis zum Erbrechen; diese gurgelnden Ger\u00e4usche stellte er dem Leibhaftigen dann zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Die perfide erzeugten Urlaute wurden den mit \u00fcberlauten Zivilisationsger\u00e4uschen wie U-Bahn-Rattern, Telephon-Klingeln, dem Heulen von Polizei-Sirenen wirksam kontrastiert und mit zeitgen\u00f6ssischer E-Musik untermalt. Die Kombination zwischen Gurgeln und Jaulen auf der einen, Penderecki, Henze und Webern auf der anderen Seite dient vor allem dazu, den Zuschauer psychisch aufzuknacken. ihn in die gew\u00fcnschte Teufelsfurcht zu versetzen.<\/p>\n<p>Diese und andere, zum Teil vorher nie in dieser Detailbesessenheit ausprobierten Spezialeffekte trieben das Budget von vier Millionen Dollar auf offizielle elf Millionen Dollar. Das US-Wirtschaftsmagazin &#8222;Fortune&#8220; sch\u00e4tzt die wahren Kosten jedoch auf 14 Millionen Dollar (gegenw\u00e4rtiges Normal-Budget in Hollywood: zwei Millionen Dollar).<\/p>\n<p>Allerdings lohnte sich dieser Aufwand (Friedkin drehte zehn Monate und brauchte allein f\u00fcr Bild- und Tonmontagen weitere sechs Monate) &#8211; seit seinem Start im Dezember 1973 spielte der &#8222;Exorzist&#8220; allein in den USA \u00fcber 94 Millionen Dollar ein. Der Kassen-Computer des Verleihs rechnet zur Zeit die Einspielergebnisse in aller Welt auf 220 Millionen Dollar hoch. Das ist fast dreimal soviel. wie &#8222;Vom Winde verweht&#8220; einspielte.<\/p>\n<p>Allerdings: Den &#8222;Paten&#8220;, wie es prophezeit wurde, wird auch der &#8222;Exorzist&#8220; nicht \u00fcberrunden k\u00f6nnen. Bislang eingespielter &#8222;Paten&#8220;-Gewinn: 330 Millionen Dollar.<\/p>\n<p>Die &#8222;Exorzist&#8220;-Producer wurden vom Erfolg ziemlich \u00fcberrascht. Hollyuood-Ger\u00fcchte wollen wissen, dass die Produktionsfirma aus moralischen Bedenken zun\u00e4chst z\u00f6gerte, den Film \u00fcberhaupt auf den Markt zu werfen.<\/p>\n<p>Als sie es dann doch riskierte, tat sie es mit einer sehr moderierten Werbe- Kampagne, die es vermied, die Horror-Effekte des Films vorher preiszugeben. Dazu ein Studio-Manager: &#8222;Wir verliessen uns ganz und gar auf die Massenmedien und die Mund-Propaganda.&#8220;<\/p>\n<p>Werbung im S\u00e4ttigungsverfahren.<\/p>\n<p>Immerhin wurden f\u00fcr den US-Start zwei Millionen Dollar investiert. So wurden die Fernsehzuschauer \u00fcberall, wo der Film ins Kino kommen sollte, mit Spots neugierig gemacht. in denen eine dunkle Stimme zu harmlosen Wohn-Interieurs sprach: &#8222;Hinter dieser T\u00fcr geschieht etwas. was jenseits Ihrer Vorstellungskraft liegt.&#8220; Diese Spots wurden im sogenannten S\u00e4ttigungsverfahren placiert &#8211; alle halbe Stunde einer. Bald war der Film zum Thema Nr. 1 in Schul- und College-Klassen, auf Partys, in der Presse und in TV-Talk-Shows geworden. &#8222;Es ist absolut unm\u00f6glich&#8220;, so &#8222;New York Times&#8220;-Kritiker Stephan Faber, &#8222;diesem Film zu entkommen.&#8220;<\/p>\n<p>Gleichzeitig stieg der Verkauf des Buchs. was wiederum das Interesse f\u00fcr den Film hochschaukelte. W\u00e4hrend der Tage der Benzin-Knappheit (in den USA bildeten sich damals lange Warteschlangen) wurden massiert &#8222;Exorzist&#8220;-Paperbacks an den Tankstellen angeboten. Der Verlag brachte dazu an den B\u00fccherst\u00e4ndcn den Slogan an: &#8222;W\u00e4hrend Sie darauf warten. dass Ihr Tank gef\u00fcllt wird, f\u00fcllen Sie Ihre Zeit mit dem &#8218;Exorzist\u2019.&#8220; Effekt: F\u00fcnf Wochen nach Start des Films waren 3 775 000 weitere Exemplare des Buchs verkauft.<\/p>\n<p>Selbst der US-Kongress redete daraufhin in Teufelszungen. Abgeordnete scherzten: &#8222;If you can&#8217;t impeach Nixon, exorcize him!&#8220;<\/p>\n<p>In Denver im US-Bundesstaat Colorado riss sich ein junger Mann mitten in der Vorstellung die Kleider vom Leibe und rannte schreiend in die nahe Kirche: Er glaubte. genau wie Regan vom Teufel besessen zu sein.<\/p>\n<p>Der Teufelsfilm &#8211; zur &#8222;harten Droge&#8220; deklariert.<\/p>\n<p>Zu Hunderten hat Reverend Arthur Dekruyter, Pastor an der Christ-Kirche in Oakbrook, einem Vorort von Chicago, Teufel aus besessenen Kinog\u00e4ngern austreiben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wie die Exorzisten melden auch die Psychiater verst\u00e4rkten Einsatz &#8211; freilich weniger begeistert als die professionellen Teufelsaustreiber. &#8222;Der Film ist ein gef\u00e4hrlicher Trip&#8220;, warnt der Chicagocr Psychiater Louis Schlan. &#8222;Es ist unm\u00f6glich. den ganzen Film durchzuhalten, ohne dass dauernde negative oder beunruhigende Symptome zur\u00fcckbleiben.&#8220;<\/p>\n<p>Ralph R. Greenson, Psychiatrie-Professor an der Ucla&#8217;s School of Medicine in Westwood, Kalifornien, berichtet \u00fcber den Fall einer jungen Frau, die nach dem &#8222;Exorzisten&#8220; von panischer Angst \u00fcberfallen wurde. Sie traute sich nicht mehr, allein in der Wohnung zu bleiben, hielt es in der Dunkelheit nicht aus und konnte nicht mehr allein auf die Strasse gehen.<\/p>\n<p>Sie musste in psychiatrische Behandlung ebenso wie der Universit\u00e4tsprofessor, der Greenson um Hilfe bat. weil ihm nach dem Film klargeworden war. dass er vom Teufel besessen ist. Das angesehene &#8222;Journal of the American Medical Association&#8220; deklarierte den &#8222;Exorzisten&#8220; kurz und b\u00fcndig als &#8222;harten Stoff&#8220; (starkes Rauschgift).<\/p>\n<p>&#8222;Nach dem Film zeigte sich, dass sehr viele Leute nach einem Exorzismus verlangten&#8220;, erkl\u00e4rte Reverend Christopher Neil Smith, der Londoner Top-Exorzist, dem SPIEGEL. &#8222;Seit der Film hier in London gezeigt wird, kommen w\u00f6chentlich 50 Leute zu mir, die besessen sind.&#8220;<\/p>\n<p>Angespornt durch diesen angels\u00e4chsischen Heimsieg, erwarten die &#8222;Exorzist&#8220;-Unternehmer \u00e4hnliche Ausw\u00e4rtserfolge in aller Welt. Um ihre filmische Pr\u00e4zisions-Maschine gegen Vergr\u00f6berungen zu sch\u00fctzen, musste jede fremdsprachige Synchronisation zur \u00dcberpr\u00fcfung und Endfertigung nach Hollywood verbracht werden. Der Aufwand f\u00fcr die deutsche Synchronisation unter der Regie von Bernhard Wicki war entsprechend: durchschnittlich kostet eine deutsche Synchronisation 30 000 Mark, die f\u00fcr den &#8222;Exorzisten&#8220; 800 000 Mark &#8211; soviel wie ein normaler deutscher Spielfilm.<\/p>\n<p>F\u00fcr den 50fachen Kino-Start gab der deutsche Warner-Verleih nochmals 800 000 Mark aus, davon allein 246 000 Mark f\u00fcr Werbung in Rundfunk und Fernsehen. Am Premierentag und an den beiden Tagen davor flimmerten jeweils kurz vor der &#8222;Tagesschau&#8220; der ARD dreissig Sekunden lange Spots \u00fcber deutsche Bildschirme: &#8222;Niemand erwartete es, niemand glaubte es, und nichts konnte es aufhalten. Die einzige Hoffnung, die letzte Rettung: der Exorzist &#8211; ab 20. September in allen deutschen Grossst\u00e4dten.&#8220; Allerdings: im Bereich von Westdeutschem, Hessischem und Bayerischem Rundfunk musste eine in Text und Bild abgeschw\u00e4chte Fassung den urspr\u00fcnglich vorgesehenen Spot ersetzen. Die WDR- und BR-Verantwortlichen monierten neben anderen Dingen: &#8222;Pfarrer in der Werbung geht nicht.&#8220; Dem Hessischen Rundfunk waren die verzweifelten &#8222;Mutter! Mutter!&#8220;-Schreie des M\u00e4dchens f\u00fcrs Familienfernsehpublikum zu krass.<\/p>\n<p>Noch bevor der Teufelsspuk \u00fcberhaupt auf die deutsche Leinwand kam, wollten einige ihn austreiben. Der Oberb\u00fcrgermeister von Aachen wurde via Bombendrohung aufgefordert, die Auff\u00fchrung dieses &#8222;gottlosen Films&#8220; in der Domstadt zu verhindern.<\/p>\n<p>Als &#8222;eine teuflische Verf\u00fchrung&#8220; bezeichnete ein Flugblatt der Darmst\u00e4dter Evangelischen Marienschwesternschaft, das Ende August auch als Grossanzeige (zwei Drittel einer Zeitungsseite) in der &#8222;Westdeutschen Allgemeinen Zeitung&#8220; erschien, den Film. Die Marienschwestern sahen darin den Gottseibeiuns selbst am Werk: &#8222;Da er der alte L\u00fcgner und ein Peiniger der Menschen ist, will Satan mit diesem Buch und erst recht mit dem Film das eine erreichen: die Leser und Zuschauer soweit wie m\u00f6glich zu verf\u00fchren und unter seine Macht zu bekommen. um sie dann zu qu\u00e4len. Dazu lockt er Millionen in den Film.&#8220;<\/p>\n<p>Zuzutrauen w\u00e4re ihm das. Exorzismus ist eine Realit\u00e4t von heute &#8211; keine Reprise mittelalterlicher Praktiken, auch nicht ein blosses Kuriosum kirchlicher Subkultur. Was die beiden Jesuitenpatres Lancester Merrin und Damien Karras im Film zelebrieren, ist durchaus kein Phantasieprodukt cleverer Horror-Filmer, sondern ist immer noch Glaube und auch jetzt noch ge\u00fcbte Praxis christlicher Kirchen.<\/p>\n<p>Beweise daf\u00fcr sind die Aussagen von Theologen und die gefilmten F\u00e4lle von Exorzismen, die der M\u00fcnchner Jesuitenpater Reinhold Iblacker f\u00fcr seine Fernsehdokumentation zusammengetragen hat. Sie wurde am vergangenen Samstag im Dritten Programm von NDR, SFB und Radio Bremen gezeigt.<\/p>\n<p>Da erz\u00e4hlt der in Rankweil in Vorarlberg lebende katholische Pfarrer Friedrich Jussel, er habe in den letzten vier Jahren vier Engel- und zwei Menschen-D\u00e4monen ausgetrieben, den letzten am 5. Oktober 1968 aus Fr\u00e4ulein Berta, 26, auf einer Wiese im burgenl\u00e4ndischen St. Martin. Einen authentischen Bericht &#8211; unterschrieben auch von der Besessenen und ihren Eltern &#8211; ver\u00f6ffentlichte im Jahre 1972 der M\u00fcnchner Hanser-Verlag.<\/p>\n<p>Im Januar 1973 exorzisiserte der Alt\u00f6ttinger Kapuzinerm\u00f6nch Konstanz Wolfsgruber mit ausdr\u00fccklicher Genehmigung des Passauer Bischofs Antonius Hofmann die 35j\u00e4hrige Bauerntochter Elisabeth Mauerberger. Dabei trieb er aus der nach Ansicht ihrer \u00c4rzte epileptischen Frau einen Teufel namens &#8222;Pluto I.&#8220; aus. Pluto beschimpfte den frommen Pater nicht nur mit &#8222;Wildsau&#8220; und &#8222;Dreckschwein&#8220;, er freute sich auch \u00fcber Minir\u00f6cke und Liturgie-Reform, die seine Arbeit ungemein erleichterten.<\/p>\n<p>Der vom jetzigen Pariser Erzbischof Kardinal Marty im Jahre 1968 bestellte Di\u00f6zesan-Exorzist Pater Henri Gesland hat bisher drei F\u00e4lle von d\u00e4monischer Besessenheit entdeckt und exorzisiert. Monsignore Cristiani, P\u00e4pstlicher Hauspr\u00e4lat, berichtete 1959 in einem inzwischen weit verbreiteten Buch &#8222;La Pr\u00e9sence de Satan dans le monde moderne&#8220; \u00fcber zahlreiche Teufelsaustreibungen aus j\u00fcngster Zeit in Frankreich und Italien.<\/p>\n<p>36 Prozent der Amerikaner glauben an den Teufel.<\/p>\n<p>Im Jahr 1973 k\u00e4mpfte der Jesuitenpater Karl Patzelt in San Francisco gegen einen D\u00e4mon, der eine dreik\u00f6pfige Familie mit &#8222;Tausenden dreckiger Tricks&#8220; (Patzelt) drangsalierte. San Franciscos Erzbischof Joseph Thomas McGucken hatte den Pater offiziell mit der Teufelsaustreibung beauftragt.<\/p>\n<p>Nach einer im April dieses Jahres von der &#8222;Washington Post&#8220; ver\u00f6ffentlichten Umfrage glauben 36 Prozent aller Amerikaner an Teufelsbesessenheit. Jeder 20. erwachsene US-B\u00fcrger (rund sechs Millionen) ist davon \u00fcberzeugt. dass er selber oder eine ihm nahestehende Person vom Teufel besessen ist oder war.<\/p>\n<p>In London behandelte Reverend Christopher Neil Smith &#8211; er ist vom Bischof der &#8222;Church of England&#8220; zum Chef-Exorzisten bestellt &#8211; w\u00f6chentlich rund 20, also j\u00e4hrlich mehr als 1000 Besessene. In 2000 F\u00e4llen hat er nach eigenem Bekunden die l\u00e4stigen D\u00e4monen vertrieben. Die Zahl der kirchlich angestellten oder freischaffenden Teufelsaustreiber wird in England auf rund 35 000 gesch\u00e4tzt. die zum Teil motorisiert, wie die f\u00fcnf Geistlichen der St.-Pauls-Kirche in Hull, als Task Force Tag und Nacht im Einsatz sind.<\/p>\n<p>Und in Holland hat der reformierte Pfarrer und Exorzist Willem Cornelis van Dam bislang mehrere Tausend D\u00e4monen ausgetrieben. Als der Film &#8222;Der Exorzist&#8220; vor einem Monat in den Niederlanden anlief, hatte Pfarrer van Dam seine Exorzisten-Truppe vorsorglich in Alarmbereitschaft versetzt.<\/p>\n<p>Der &#8222;Exorzist&#8220; als Blendwerk und Verf\u00fchrungskunstst\u00fcck des Teufels h\u00f6chstselbst? Den Roman inspirierten zwei Jesuiten, in dem Film wirkten immerhin vier leibhaftige Patres der Societas Jesu (teils als Schauspieler, teils als religi\u00f6se Berater) mit &#8211; zum h\u00f6heren Ruhme Gottes.<\/p>\n<p>Die katholische Kirche betrachtet den &#8222;Exorzisten&#8220; mit zwiesp\u00e4ltigen Gef\u00fchlen. Einerseits freut sie nat\u00fcrlich jegliche Best\u00e4rkung von Teufelsfurcht und Gottesglauben &#8211; mag sie auch aus noch so dubiosen Antrieben erfolgen. Der &#8222;New Yorker&#8220; frotzelte: &#8222;Die katholische Kirche wird wohl kaum an der Sprache und den Handlungen eines Films Anstoss nehmen, der sagt, dass die katholische Kirche der wahre Glaube ist.&#8220;<\/p>\n<p>Andererseits beschwerten sich Kirchenvertreter \u00fcber die im Film gezeigte Macht des Teufels. Der Jesuit Juan Cort\u00e9s: &#8222;Der Teufel ist der Sieger im Film.&#8220;<\/p>\n<p>Schon m\u00f6glich: Denn die kleine Re-gan wird vom Satan nur dadurch befreit, dass der junge Exorzist, nachdem sein greiser Kollege ohnehin vom Teufel hingestreckt wurde, dem Teufel zuruft: &#8222;Nimm mich!&#8220; Satan f\u00e4hrt in ihn und mit ihm aus dem Fenster, so dass der Pater sich zu Tode st\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Pater Edmund Ryan, der in Person kurz im Film auftaucht, distanzierte sich: &#8222;Es ist ein Spektakel, das von Spezialeffekten getragen wird und nicht von irgendeiner echten Moral oder Botschaft.&#8220; Ebenso auf Abstand bedacht erkl\u00e4rte sp\u00e4ter der religi\u00f6se Hauptberater des &#8222;Exorzisten&#8220;. Reverend John J. Nicola, S.J., der k\u00fcrzlich in Rom an einer Doktorarbeit \u00fcber &#8222;Exorzismus&#8220; br\u00fctete: Wenn ich heute zu entscheiden h\u00e4tte, ob dieser Film der grossen \u00d6ffentlichkeit vorgef\u00fchrt werden sollte &#8211; w\u00fcrde ich z\u00f6gern. Und zwar wegen der Gefahr der Hysterie &#8211; ich glaube, der Film k\u00f6nnte sich, was seine Wirkungen anbetrifft, durchaus mit den mittelalterlichen Veitst\u00e4nzen messen.&#8220; Sp\u00e4te Einsichten.<\/p>\n<p>Veitstanz-\u00c4hnliches evozierte der &#8222;Exorzist&#8220; in Amerika tats\u00e4chlich. Als er im Dezember 1973 Premiere hatte, waren die USA von sehr realen \u00c4ngsten und Sorgen heimgesucht &#8211; von Watergate und den Nachwirkungen von Vietnam, von der \u00d6lkrise und dem damit verbundenen Gef\u00fchl des nahen Endes der \u00dcberflussgesellschaft, von Inflation und Arbeitslosigkeit.<\/p>\n<p>&#8222;Wie es \u00fcberhaupt nur einem Film m\u00f6glich ist&#8220;, so &#8222;Newsweek&#8220;, &#8222;hat der &#8218;Exorzist&#8216; von der allgemeinen Stimmung Besitz ergriffen und spiegelt wie in Raserei die unterschwelligen \u00c4ngste, Phantasien und Verst\u00f6rungen wider, die in j\u00fcngstcr Zeit die Oberfl\u00e4che der amerikanischen Gesellschaft durchbrachen.&#8220; Abgesehen von spezifisch amerikanischen Reaktionen spekuliert der Film nat\u00fcrlich auch auf das Bed\u00fcrfnis nach Irrationalem in einer scheinbar total durchrationalisierten Welt.<\/p>\n<p>In harmonischer Dreieinigkeit verteufelte intellektuelle Filmkritik (&#8222;Eines der vulg\u00e4rsten, obsz\u00f6nsten Dreckst\u00fccke&#8220;, &#8222;Los Angeles Times&#8220;), Wallstreet (&#8222;Bleibende Kunst appelliert selten an niedere Instinkte&#8220;, &#8222;Wall Street Journal&#8220;) und Sowjetmoral (&#8222;Eine skandal\u00f6se Mischung aus Pornographie und Sadismus&#8220;, &#8222;Iswestija&#8220;) den Teufels-Streifen.<\/p>\n<p>Doch was immer Kritikern und Analytikern zum &#8222;Exorzisten&#8220; einf\u00e4llt &#8211; die Wirkung und Popularit\u00e4t des Films beruht wohl haupts\u00e4chlich auf einer hier besonders raffiniert ausgebeuteten Vorliebe des Publikums f\u00fcr Horror- und Schock-Effekte im Kino, der Hollywood in j\u00fcngster Zeit durch immer mehr Filme Rechnung tr\u00e4gt. Von &#8222;Dracula&#8220; und &#8222;Frankenstein&#8220; &#8211; deren erfolgreicher Start 1931, merkw\u00fcrdig genug, mit der grossen wirtschaftlichen Depression zusammenfiel &#8211; \u00fcber Polanskis Film &#8222;Rosemarys Baby&#8220;, in dem eine Frau ein Kind des Teufels austr\u00e4gt, f\u00fchrt eine konsequente Steigerung zum &#8222;Exorzisten&#8220;.<\/p>\n<p>Und noch Schrecklicheres wird folgen. &#8222;Exorzist&#8220;-Regisseur Friedkin: &#8222;Dieser Film k\u00f6nnte ein Vorreiter sein. Wenn er ein grosses Publikum gewinnt, dann d\u00fcrfte er den Studios Mut machen ambitioniertere Themen mit noch schrecklicheren Szenen abzuhandeln.&#8220;<\/p>\n<p>Schon galoppieren neue apokalyptische Reiter: Steven Spielberg drehte soeben einen Film \u00fcber einen M\u00f6rderhai, der Badeg\u00e4ste zerfleischt: &#8222;Gegen diesen Film wird der &#8218;Exorzist\u2019 wie ein Waisenknabe dastehen,&#8220; Ein anderer geplanter Film nach dem Tatsachenroman &#8222;Alive&#8220;, der Abgest\u00fcrzte einer Flugzeugkatastrophe in den Anden ihre toten Mitpasagiere verspeisen l\u00e4sst, will ausf\u00fchrlich die kannibalistischen Szenen zeigen.<\/p>\n<p>Das Bed\u00fcrfnis nach solchen Horror-Sensationen kommentierte ein von der &#8222;New York Times&#8220; interviewter &#8222;Exorzist&#8220;-Besucher, ein Architekt aus Long Island: &#8222;In uns allen steckt ein St\u00fcckchen morbide Neugier.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<h2>Cultural Impact of The Exorcist 1973<\/h2>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Cultural Impact of The Exorcist 1973\" width=\"840\" height=\"630\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/LSVHpX1CDN8?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr 27. \/ Sa 28. \/ So 29. April 2001 20.00 Uhr deutsch, ab 16 Jahren IMDb Lange Zeit als unheimlichster Film der Kinogeschichte gehandelt, kommt der Klassiker von William Friedkin (\u00abFrench Connection\u00bb, \u00abTo Live and Die in L.A.\u00bb) in einer erweiterten Fassung wieder in die Kinos. 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