Arth-online NEWS: 10.09.01
Goldauer Bergsturz: 2 neue Augenzeugenberichte

Zwei Augenzeugenberichte vom Goldauer Bergsturz neu ans Tageslicht gekommen

von Patrick Kaufmann, Verwalter Bergsturzmuseum Goldau

Am Sonntag, den 2. September 2001, jährte sich zum 195. Mal der verheerende Bergrutsch vom Gnipen, der einen grossen Teil der fruchtbaren Talschaft von Goldau zuschüttete und die meisten anwesenden Bewohner und deren Habseligkeiten innert weniger Minuten unter sich begrub. In hohen Ehren wird bis auf den heutigen Tag das Andenken an eine teilweise verunglückte Reisegesellschaft gehalten, deren Mitglieder am 2. September 1806 zufällig auf der Durchreise von Arth nach Schwyz waren und ziemlich genau um 1700 Uhr das Dorf Goldau passieren wollten.

Die näheren Umstände des tragischen Schicksales, das diese Gruppe ereilte, waren einem breiteren Publikum bisher nur dank den Aufzeichnungen im berühmten Zaybuch sowie im Bergsturzbuch von Josef N. Zehnder (vgl. Kasten blau) bekannt. Neu ans Tageslicht gekommen sind nun die Augenzeugenberichte zweier überlebender Teilnehmer der Reisegesellschaft, nämlich von Oberst Friedrich Franz Ludwig May sowie von Hofmeister John (vgl. Kasten grün).
 
Die Gesellschaft bestand aus dreizehn Personen gehobenen Standes, die vorwiegend aus dem Kanton Bern, aus dem bis 1798 zu Bern gehörenden Teil des Aargaus sowie aus Mecklenburg stammten, weshalb denn auch gewöhnlich von der «Berner» Reisegesellschaft die Rede ist. Von den dreizehn wurden sieben Opfer des Bergsturzes, sechs kamen mit dem Schrecken davon.

Verschüttete:

  • Der 50jährige Oberst Franz Victor von Steiger, früher Offizier in holländischen Diensten und Mitglied des ehemaligen grossen Rats von Bern. (inkl. Bild)
  • Der 15jährige Carl Friedrich Albert May, Sohn des Chronikverfassers Carl Friedrich Rudolf May von Rued und zugleich Neffe der beiden überlebenden Brüder.
  • Der 14jährige Johann Caspar Ludwig aus Arbon, Carls gleichaltriger Mitzögling, den man zur Erziehung ins Haus aufgenommen hatte.
  • Der 35jährige Rudolf von Jenner aus Brestenberg, Mitglied des Grossen Rates des Kantons Aargau und eng befreundet sowohl mit dem Chronikverfasser als auch mit Dr. Karl Zay.
  • Die 27jährige Frau von Diessbach von Liebegg, geborene von Wattenwyl, Ehefrau des überlebenden Friedrich von Diessbach und Mutter von 3 Kindern.
  • Die 38jährige Margaritha von Diessbach aus Burgdorf, Schwester des Herrn Diessbach, sowie die sie begleitende 17jährige Susette Frankhauser, ebenfalls aus Burgdorf.
Überlebende:
  • Oberst Friedrich Franz Ludwig May von Schöftland und Carl Gottlieb May von Brestenberg, zwei Brüder aus dem bernischen Ratsgeschlecht der May und zugleich Neffen von F.V. von Steiger.
  • Herr John aus Gotha, Hauslehrer der beiden Jungen.
  • Friedrich von Diessbach von Liebegg aus Fraubrunnen, Ehemann der verschütteten Frau von Diessbach.
  • Kanzleirat Schmidt, Erzieher des mecklenburgischen Prinzen Paul, und sein Gefährte Rudloff, Angestellter der herzoglichen Kanzlei von Mecklenburg-Schwerin.

Enthalten sind sie in der kürzlich transkribierten und edierten Hauschronik von Carl Friedrich Rudolf May von Rued (vgl. Kasten rot). 
 
Der Chronikschreiber Carl Friedrich Rudolf May (1768-1846) war Herr von Rued von 1788-1798, nachher Gutsherr, 1803-1814 Oberamtmann des Bezirks Kulm, 1814-1831 im Rat der 200 in Bern. Er wohnte jeweils vom Frühling bis Herbst in Rued und im Winter in Bern. Seine Frau Johanna Margaretha von Steiger Montricher (1772-1843) war die Tochter des letzten Schultheissen von Bern vor der Helvetik. 

Die beiden Augenzeugenberichte bringen zwar gegenüber Zay und Zehnder keine wesentlichen neuen Informationen zum Geschehen, sind aber für alle Bergsturz-Interessierten trotzdem von unschätzbarem Wert, da die unmittelbare Darstellung der Katastrophe an Anschaulichkeit und Spannung kaum zu überbieten ist. Aber urteilen Sie selber:

«[...] Das Jahr 1806 wurde für mich und meine gute Gattin abermahls ein schwehr niederdrükendes, höchst betrübtes Trauerjahr. Durch ein schrekliches und ausserordentliches Naturereignis verlohren wir unsern ältesten, so hoffnungsvollen Sohn Carl im 14. Jahre seines Alters. Es war in den lezten Tagen des Augusts, dass mein Bruder Friederich und unser Freund Rudolf von Jenner eine Lustreise auf den Rigi verabredet hatten. Sie bewogen noch Junker Friedrich von Diessbach von Liebegg mit seiner Gemahlin und Schwester nebst einer Jgfr. Frankhauser von Burgdorf, sie zu begleiten. Gleiche Einladung war nach Schöfftland und hier nach Rued gelangt. Wegen amtlicher Geschäften war es mir unmöglich, solche zu benutzen, wohl aber beschloss ich, meinem Sohn Carl, seinem jungen Gefährten Caspar Ludwig und ihrem Lehrer Hr. John von Gotha, diese Lustreise von wenigen Tagen zu gönnen; auch bewog ich fast wider seinen Willen meinen trefflichen, damahls hier auf Besuch anwesenden Onkel, Hr. Oberst Victor Steiger, Bruder meiner sel. Mutter, diese Reise mitzumachen.

Man reiste am 29. August von hier nach dem Brestenberg ab, ohngeachtet das Wetter schon regnerisch aussah, aber man war übereingekommen, auf jeden Fall sollte sich die gantze Gesellschaft daselbst einfinden. Indessen, es fiel Regenwetter ein, und als ich am 2. Septembris einen Brief vom jungen Ludwig erhielt, worin er meldete, sie würden kurtz nach diesem Brief wieder zu Hause eintreffen, so fand ich nichts auffallendes, als ich am 4. Septembris noch keine Nachricht von der Rükkehr der Gesellschaft hatte. Unbewegt reiste ich an diesem Tage des Morgens um 8 Uhr nach Schinznacht, um Fr. May, die dort eine Cur machte, zu besuchen; kaum war ich aber bey den obersten Nussbäumen oben an der Kalberweyd, so sah ich zwey Menschen den Weg hinabkommen; ich kannte sie nicht – als endlich ihre Kleidung und ihre Gestalten diejenige meines jüngsten Bruders und des Hr. John zu seyn schienen – kannte ich sie dennoch nicht, denn ihre Gesichtszüge schienen mir fremd. Erst 2 Schritte vor ihnen sah ich, dass Blässe, Angst, Schmertz und Kummer sie unkenntlich gemacht – ich vermisste ihre Reisegefährten – mehr brauchte es nicht, um vom Pferdte zu stürzen und im grössten Schreken auszurufen: Herr Allmächtiger, über Euch ist ein schrekliches Unglük gekommen, die Fehlenden sind tod! Mein Bruder, über mein unerwartet schnelles Erscheinen noch gantz ausser Besinnung und Fassung gebracht, vermochte es nicht, weder die Todesnachricht zu verbergen noch zu bemänteln. Ein Berg hat sie begraben! Dies war alles was er hervorbringen konnte. Bald folgte die nähere schrekliche Erklärung der fürchterlichen Begebenheit. – Ich war zermalmt. Aber meine völlige Zernichtung wurde vollendet durch den gräss1ichen Gedanken: Ich musste noch der Überbringer der tödenden Schrekensbotschaft an meine Gattin seyn!

Gleichen Morgen reiste ich mit meinen Kindern nach Schinznacht. Wie vermöchte ich Worte zu finden, um den jammervollen Auftritt zu beschreiben, der dann nachmittags um 2 Uhr im Zimmer meiner unglüklichen Gattin stattfand. – Wie ist es endlich möglich, solche Scenen zu überleben!!! Meine trostlose Gemahlin musste indessen nothgedrungen ihre angefangene Cur vollenden. Ich blieb mit unseren Kindern in Schinznacht, wo wir 11 der schwehrsten Schmerzenstage zubrachten.

Hier die Relation über den Untergang von Goldau, wie mir solche von meinem Bruder Friederich schriftlich ertheilt wurde.

Relation
über den Untergang eines Theils unserer Reisegesellschaft
beym Einsturz des Rossbergs im Canton Schwytz
den 2. September 1806.

Nie vielleicht versprach sich eine Gesellschaft durch ihre Zusammensetzung so vielen Genuss, und nie wurde der Weg mit grösserer Munterkeit angetreten, als es den 30ten August des Morgens um 6 Uhr geschah, obschon das Wetter unter einigem Steigen des Barometers Anschein zum Regen hatte, der sich auch wirklich eine halbe Stunde vom Brestenberg in Sarmenstorf einstellte, und zwar so stark, dass man im Pfarrhause daselbst einkehrte, um besseres Wetter entweder zum nach Hause zurükzukehren oder zum weiteren Verfolgen der Reise abzuwarten. Nach 3 Stunden heiterte es sich auf, der Regen hörte auf. Man war einstimmig, die Reise fortzusetzen, obschon man sich wenigstens für diesen Tag kein gantz gutes Wetter versprechen konnte, machte aber hiebey die gantz natürliche Überlegung, dass wenn man nur bis Zug gelangen könnte, man daselbst in der Nähe des Rigi zu Besteigung desselben heiteres Wetter abwarten könne. Die Damen, gantz vorzüglich entschlossen die Reise fortzusetzen, bestiegen, da die Strassen sehr schmutzig waren, das mitgenommene Wägeli unter meiner Begleitung, die übrige Gesellschaft nahm einen kürtzeren Weg nach Muri, wo wir über Mittag bleiben wollten. Ohne Regen kam man daselbst an, welcher sich aber dann mit grosser Heftigkeit einstellte, den Muth der Gesellschaft aber so wenig benahm, dass sie vielmehr einstimmig wurde, den Weg bis Zug fortzusetzen, wenn man ein bedektes Fuhrwerk für die Damen bekommen könnte. Weil aber dieses nicht zu erhalten war, der Regen ungemein stark fiel, das Wirthshaus zum Nachtlager nicht sehr einladend war, so wurde beschlossen, dem Hr. Fürstabt zu Muri eine Deputation in den Personen des Junker von Diessbachs und meines Bruders Gottlieb abzuschiken, um ihn um einen bedekten Wagen für die Damen zu ersuchen, um unsern Weg entweder vorwärts oder wieder rukwärts zu nehmen. Nicht nur wurde die Deputation durch den Fürsten äusserst gütig aufgenommen, sondern er war wirklich vorher schon im Begriff, der Gesellschaft Kutsche und Pferdte anzubieten, welches mit grösster Freude und Dankbarkeit aufgenommen und von jedermann als eine Aufmunterung zur Fortsetzung der Reise angesehen wurde. Zu Zug wurden wir im Gasthof zum Hirschen durch vortreffliche Bewirthung und gefällige Bedienung überrascht und dadurch unser dasiges Abwarten auf gutes Wetter zu einem sehr angenehmen Aufenthalt gemacht, welcher durch allseitige Freundlichkeit und Fröhlichkeit gewürzt wurde. Sonntag und Montag liess das Wetter uns zu einigen Spatziergängen Zeit, ohne uns indessen Hoffnung zu geben, dass es sich in kurtzem so vortheilhaft veränderen werde, dass der Rigi bestiegen werden könnte, und Dienstag Morgens war es wieder so regnerisch, dass man sich gegenseitig im Geheimen berieth, was zu thun sey und ob nicht der Rükweg sollte angetreten werden. Bey dem Frühstük wurde im allgemeinen davon gesprochen, und da wirklich Grunde zum Fortsetzen der Reise und zum nach Hause kehren angebracht wurden und niemand über sich nehmen wollte, eine bestimmte Meynung zu eröffnen, so wurde beschlossen, ein geheimes Stimmenmehr aufzunehmen, damit niemand in seiner Meynung geniert würde, woraus es sich einhellig ergab, dass man noch das gute Wetter länger abwarten wolle, welches durch ein allmähliches Steigen des Barometers doch bald zu erwarten war. Auf Mittag heiterte es sich wirklich auf und die Anstalten wurden getroffen, bald nach Tische bis Arth zu Wasser zu reisen.

So wie die Fröhlichkeit der Gesellschaft keinen Augenblik durch das widerwärtige Wetter gestöhrt worden, so wurde dieselbe nun durch die Hoffnung eines angenehmen Erfolgs erhöht und die Erreichung ihres Zweks, den Gipfel des Rigi bey heiterem Wetter zu besteigen, als um so gewisser angesehen, da man sich entschloss, die Gegend am Fuss des Rigi zu besuchen, bis dass gantz günstiges Wetter sich einstellen würde; und so wurde beschlossen, bis nach Schwytz zu gehen. Die Gesellschaft sezte sich um 2 Uhr in zwey Schiffe; man wollte von Land stossen, als es jemand einfiel, noch ein Schachspiel aus dem Gasthof abhohlen zu lassen, um auf der Überfahrt zu spielen. Als dieses da war, so hatte noch jemand den Gedanken, auch noch die Kartenspiele zum Whist spielen abhohlen zu lassen, welches aber auf die Bemerkung, dass dieses wieder 5 Minuten aufhalten und dass man keine Zeit zu verlieren habe, aufgegeben wurde.

Man fuhr ab, stieg bey Arth an das Land und trat ins Wirthshaus, um die Schiffleute zu bezahlen und um einen Träger für das Gepäk zu besorgen. Zu gleicher Zeit erfuhr man, dass Hr. Landsekelmeister Zay, dem man einen kleinen Besuch machen wollte, abwesend sey, so dass man sich nicht einmahl zu seiner Wohnung verfügte, wodurch wieder eine halbe Viertelstunde Zeit gewonnen wurde. Da ich das Gepäk der Gesellschaft zu besorgen übernahm, so ermahnte ich dieselbe, ungesäumt den Weg fortzusetzen, indem ich mit dem Träger sogleich nachfolgen würde, und so wurde dies der Anlass zur Trennung meines Bruders Gottlieb, der mit mir zurükblieb, von der übrigen Gesellschaft.

In Oberarth theilt sich der Weg; der zur Linken führt auf Steinen und Einsiedeln, der zur Rechten nach Goldau und Schwytz. Die Vorausgegangenen schlugen links ein, wurden aber nur zu bald zurecht gewiesen, mussten aber den Weg eine Streke weit zurük, um den Fahrweg nach Goldau zu finden, welches indessen durch die frühere Begegnung der Person, die sie zurecht wies, nur ein Aufenthalt von einigen Minuten war, der durch das späthere Antreffen dieser nämlichen Person leicht so gross hätte werden können, dass wir alle wieder zusammen gestossen wären und gemeinschaftlich den Fussweg statt des Fahrwegs eingeschlagen hätten, die indessen nur sehr wenig von einander abweichen. Dieser Fussweg führt unmittelbar vor den ersten Häuseren von Goldau mitten durch eine ebene, sehr schöne Wiese, währenddess der von dem vorangegangenen Theil der Gesellschaft eingeschlagene Fahrweg links längs dieser Wiese in einer kleinen Vertiefung hinlief. Schon ehe mein Bruder Gottlieb und ich nebst zwey reisenden Meklenburgern, die sich an uns anschlossen (Hr. Schmidt, Erzieher des Meklenburgischen Printzen Paul und Hr. Rudloff, ein Employé in der Meklenburgischen Canzley) auf diese Wiese kamen, die uns eine freye Aussicht auf die Gegend gewährte, hörten wir ein schwaches Donnern, welches von herabfallenden Steinen und Erde von der Höhe des Rossberges, wo ein Kreutz steht, in einen sich dahin aufziehenden Tobel, fast nicht bemerkbar, erzeugt wurde, und als eine von mir schon oft in den Gebirgen gesehene Sache nicht sehr beachtet wurde. Wie wir auf erwähnte Wiese traten, wurde der Lärm und die sich losreissenden Steine etwas stärker, sodass wir stille stunden und diesem Herabfallen durch Fernröhren zusahen. In der nämlichen Zeit bemerkte ich unsere Gesellschaft in dem Fahrweg, auf ungefehr 300 Schritte höchstens vor uns her, und Hr. von Diessbach und Hr. Hofmeister John, die das Herabrollen hörten und nachsehen wollten, wo dies geschehe, aus dem Wege in die Wiese heraufkommen, im nämlichen Augenblike, wo ich die übrigen durch eine Krümmung des Wegs in das Dorf treten sah und wegen den Bäumen und Häuseren bald nichts mehr von ihnen erblikte. Das Fortsetzen ihres Weges war natürlich und nöthig, um vor Einbruch der Nacht in Schwytz anzulangen. Etwa 5 Minuten mochten wir auf der Wiese dem Herabrollen der Steine zugesehen und uns gegenseitig, wenn ein recht grosses Stük herunterkam und dessen Fall nur bis in den Tobel dauerte, aufmerksam gemacht haben, als plötzlich sich die gantze Seite des Tobels gegen Schwytz zu, von der Spitze des Berges bis tief herunter, und meistens mit Tannen bewachsen, in der Direction des Tobels sich in Bewegung sezte und den Eindruk auf uns machte, als wenn wir mit Schwindel befallen worden wären. Diese Illusion dauerte nur einen Augenblik. Die grad aufstehenden, mit fürchterlicher Schnelligkeit herunter gleitenden Tannen stürzten plötzlich eine über die andere, Erde und Felsen folgten, und ein fürchterlicher Donner erhob sich. Unermessliches Unglük ward von uns vorgesehen, alles wurde furchtbarer – aber noch kein Gedanke, dass unsere Gegend in Gefahr seyn könnte, stieg in mir auf [obschon meine Reisegefährten sich bereits in Flucht gesezt hatten], weil ich sah, dass die Bewegung der Masse nach der Direction des Tobels, nämlich nach der Gegend von Busingen und Lowertz gieng und weil ich wusste, dass zwischen uns noch eine ansehnliche Vertiefung sich befand, worein der Bergstrohm vom Rigi nach dem Zugersee hinfloss, und durch verschiedene kleine Anhöhen uns geschüzt glaubte. Im gleichen Augenblik aber wurde ich gewahr, dass nichts von diesem allem die Gegend von Goldau und uns schützen konnte, denn mit fürchterlicher Gewalt wurde die linke Seite des Tobels gegen Arth und Goldau hin durch den Bergfall theils überdekt, theils mitgerissen und nun mit erneuerter Gewalt gegen Goldau hingetrieben; die Tiefe des Bergstrohmes war eine Ritze, die uns beschüzenden Anhöhen Maulwurfshaufen. Steine, Erde, Felsen, Bäume kamen durch die Luft geschleudert daher; stürzten sich diese Massen in Vertiefungen, so wurden sie durch die nachfolgenden wieder in die Höhe und fort geschleudert, gleich einem gewaltigen Wassersturz, dessen herabgestürzte Fluthen durch die folgenden wieder emporgeworfen werden. Die Luft wurde verfinstert und Erde, Steine, Häuser und Bäume flogen wie geworfen durch dieselbe hin; das Dorf Goldau wurde, schon ehe es durch die stürzende Masse berührt wurde, durch den Druk der Luft niedergeworfen und zertrümmert, alles in einem so kleinen Zeitraum, dass der Gedanke, mich zu retten und diese schrekliche Zerstöhrung, ein und den nämlichen Augenblik ausfüllten. Wie gross meine eigene Gefahr war, weiss ich selbst nicht; die Dauer war ein Moment, und der Zeitraum des Untergangs von Goldau, Busingen, Röthlen, Lowertz mit allem Lebendigen und unsrer durch das unwiderstehliche Schiksahl dahin getriebenen Lieben, betrug nach meiner moralischen Überzeugung nicht 3 Minuten.

Unsere Freunde, die wir beweinen, mögen nach meiner Kenntnis des Dorfs Goldau und nach Erwägung der Zeit vom Augenblik an, wo sie mir für ewig aus dem Gesicht kamen, bis in die Mitte des Dorfs, oder wenn ich noch bestimmter reden wollte, bis in die Gegend der Brüke über den Bach gekommen seyn. Von dem drohenden Unglük können sie keinen Begriff erhalten haben; Bäume und Häuser verschleyerten das daher stürzen der zerstöhrenden Masse; die Gefahr erbliken und von derselben zernichtet werden, musste ein Augenblick seyn! Dies ist meine innere Überzeugung, deren Wahrheit mir umso unbezweifelbarer ist, als ich beynahe bis zum lezten Moment dieser Scene unbefangener Zuschauer war.

Die kleinen Details dieser Erzählung, inwiefern dieselben zeigen, dass die Gesellschaft gerade in dem Augenblik von der Vorsehung bestimmt war, theils von Zug, theils von Arth zu verreisen, wie sie es gethan hat, und auf welche Weise sie ihren Weg fortsezte – mögen diejenige Aufmerksamkeit erregen, als unzweifelbar wahr ist, dass durch 5 Minuten Beförderung oder Verzögerung entweder alle oder niemand davon den Untergang in dieser Zerstörung gefunden hätten. (Die Abholung eines Kartenspiels bey der Abfahrt von Zug; der vorgehabte aber verfehlte Besuch bey Hrn. Zay, dessen Abwesenheit man von ungefehr erfuhr; die zufällige baldige Zurechtweisung der Vorangegangenen, die den Weg nach Steinen statt nach Goldau einschlugen – alle diese kleinen Umstände die die Ung1üklichen hätten retten sollen – schlugen zu ihrem Untergang aus – weil die kleinen Zeitversäumnisse, die sie herbeygeführt hatten, unterblieben. – Aber so wollte es die Vorsehung, die auch die unbedeutendsten Umstände nach ihren unbegreiflichen Absichten leitet.)

Mehreres findet sich umständlich in Dr. Zays Beschreibung von Goldau und seiner Gegend, wie sie war und was sie geworden, in Zeichnung und Beschreibung zur Unterstützung der Übriggebliebenen. Zürich 1807. Hr. John hatte ebenfalls einen Bericht über die entsezliche Begebenheit verfasst, aus welcher ich folgendes Bruchstük hersetze, weil sie sonst nichts besonderes enthält, das sich nicht schon in der ersten Relation befindet:

Unser Unglük in seiner wahren Grösse und in seinem wahren Lichte zu beschreiben, übersteigt alle menschlichen Kräfte. In diesem Zustande, unserer selbst unbewusst, mehr tod als lebend, rafften wir uns zusammen, eilten nach der schreklichsten aller Verheerungen hin, welche das Thal in einen Berg verwandelt hatte, dessen Rand wohl schon 30 Fuss hoch war. Mit Mühe klimmten wir hinauf und irrten auf der chaotischen Masse umher, nicht ohne Gefahr, darinnen einzusinken, in der Hoffnung, irgendein Plätzchen zu finden, das von der Verheerung verschont, unsere lieben theuren Freunde aufgenommen und gerettet hätte. Wir suchten durch lautes Rufen ihnen bemerkbar zu machen, dass wir noch am Leben erhalten und sie zu retten in der Nähe wären. Aber die wüste Einöde gab dumpf und öde unseren Laut zurük, Todtenstille herrschte überall, wir waren die einzigen lebendigen Wesen hier. Aber auch jezt blikte ein Strahl der Hoffnung noch hervor. Am äussersten Anfang der Verwüstung entdekten wir die Ruine einer gäntzlich zerstöhrten Wohnung, vom Sturm der Verwüstung an den Fuss des Rigi hingeschmettert. Hier glaubten wir, sie zu finden, als wir auf unser Rufen aus derselben ein Wimmern vernahmen. Aber nur ein Mann, dem das Bein zerschmettert war, zog Junker May vom Brestenberg unter den Ruinen hervor. Da wir den Greuel der Verwüstung nicht gantz übersahen, so stiegen wir am Rigi ungefehr eine Stunde weit hinauf in der fürchterlichsten Erwartung, aber zugleich auch in der Hoffnung, dass unsere Freunde noch vielleicht vorwärts der Gefahr entgangen wären. Allein wir fanden nichts trostbringendes, sondern blos einige Bewohner der unglüklichen Gegend, die nur durch ihren Aufenthalt auf den Alpen des Rigi ihr eigenes Leben gefristet sahen. Nach ihren Aussagen war hier alle menschliche Hülfe unmöglich; und in der That, nur der allmächtige Arm Gottes hätte die Verunglükten durch ein Wunder retten können. Sie waren uns unwiderbringlich entrissen! – Je weiter wir am Rigi hinauf kamen, desto allgemeiner, schreklicher war die alle menschlichen Begriffe übersteigende Verwüstung. An den meisten Stellen lag die losgerissene Erde- und Felsenmasse 200 bis 300 Fuss hoch. Der Rigi selbst war nicht nur von vielem Heu, sondern auch von einer Menge Federn aus den Betten, weiche der Sturm vorangetrieben hatte, hoch hinauf bedekt. – Wir sahen keine Rettung mehr für unsere armen Verunglükten – unsere eigenen Kräfte schwanden – das vom Rigi herabfliessende Wasser schwellte sich an – neue Gefahr drohte uns – und so mussten wir also, wir einzig zurükgebliebenen, trostlos und verzweifelnd nach Arth zurükkehren; und weil wir wegen der Fühllosigkeit der Wirthsleute und übrigen Ortsbewohner hier keinen Aufenthalt fanden, so fuhren wir noch in der Nacht, jedoch gantz sinnlos und mehr tod als lebend, nach Zug zurük. Am folgenden Morgen früh, vom Sohn des Landammann Müllers begleitet, kehrten wir noch einmahl an den unglüklichsten aller Oerter zurük, um noch einmahl das Unmögliche wegen Rettung unserer Unglüksgefährten zu versuchen – aber hier hätte nur ein Gott helfen können! [...]»
 
Der abgedruckte Quellen-Ausschnitt findet sich in: Carl Friedrich Rudolf May von Rued (1768-1846): Haus Cronik. Bearbeitet von Franz Kamber und Markus Widmer-Dean. Schöftland 2001. S. 93-102. Das Buch kann für Fr. 39.-- bestellt werden bei Markus Widmer-Dean, Aemmeracher 13, CH-5737 Menziken, Tel. 062 771 70 28, Fax 062 771 61 57, E-mail mark-w@bluewin.ch – Zum ersten Mal abgedruckt wurde der Augenzeugenbericht vom Bergsturz in K.L. Friedrich v. Fischers Buch „Beat Ludwig Ferdinand von Jenner“ (Bern 1883). – In Dr. Karl Zays grundlegendem Werk «Goldau und seine Gegend, wie sie war und was sie geworden« finden sich die Passagen über die Berner Reisegesellschaft auf den Seiten 191, 264-270, 327ff. sowie 385f. – In Josef Niklaus Zehnders «Der Goldauer Bergsturz« ist das Schicksal der Gesellschaft auf den Seiten 65-69 beschrieben. Zehnders Bergsturzbuch ist 1988 in 3. Auflage erschienen und kann für 24.-- im Bergsturzmuseum bezogen werden.

Um einem gängigen Missverständnis vorzubeugen, sei zum Schluss angemerkt, dass der Flurname «Bernerhöhe» für die höchste Stelle zwischen Goldau und Lauerz nicht direkt auf die Reisegesellschaft zurückzuführen ist, da diese ja etwa in der Gegend des heutigen Restaurants «Rössli» vom Schutt begraben wurde, sondern in Dankbarkeit gegenüber den Berner Freiwilligen, die in den Tagen nach der Katastrophe die Strasse zwischen Arth und Lauerz komplett neu in Stand stellten. 
 
 
Besuchen Sie wieder einmal das einzige Bergsturzmuseum der Schweiz direkt beim Tierpark in Goldau. Es bietet auf engstem Raum alles Wissenswerte und noch viel mehr zur Katastrophe vom 2. September 1806 und ihren Folgen. Öffnungszeiten April bis Oktober 13.30-17.00 Uhr täglich ausser freitags. Eintrittspreis Fr. 2.-- für Erwachsene und Fr. 1.-- für Kinder bis 16 Jahre, halbstündige Führungen nach frühzeitiger Voranmeldung Fr. 30.--. Kontakt: Tel. 079 478 11 05 oder 041 855 20 32, E-mail bergsturz@arth-online.ch, Internet www.arth-online.ch/bergsturz

 
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